wenn einer sich auskennt, dann rigobert dittmann in

„bad alchemy“

JAN KLARE, klar, kennen wir, als Schulze von The Dorf und als Umtriebler mit Deep Schrott, RKeT und 1000 weiteren bambostischen und bösen Dingen. Sein neuer Partner bei Heisig-Klare (Umland Records 29) ist mit WOLFGANG HEISIG ein 1952 geborener Sachse, der sich als Bankkaufmann, Kirchenchorleiter, Barpianist und Musiktherapeut Wurst & Brot verdient hat. Der aber auch Gedichte macht, die er „Sprachfachübungen“ nennt, und andere komische Sachen. Wie, noch vor der Wende, etwa mit den Kabarett-Liedermacher-Duo Sonnenschirm. Oder, ganz anders, 1992-95 die ‚Nadeldruckchoräle‘ für Narrator & Orgel und ähnliche Machwerke mit Fluxus-Geist. Bis ihn in den 90ern der Geist von Conlon Nancarrow anrührte, dessen Werke für Playerpiano er mit Phonola (& PC-gesteuerter Stanzmaschine) aufzuführen begann, dazu Zeug, das Steffen Schleiermacher als Hommagen an László Moholy-Nagy und Oskar Schlemmer komponiert hat, Mecha­nische Musik von Ligeti sowie Selbstkomponiertes. Auch die Duette mit Klares Altosax folgen dieser Spur, denn sie spielen drei Studies von Nancarrow: die rasante #11, freejazzig tobend, die launig nur schlendernde #3b, die zeitrückwärts stürzt in Swing- und Stridetage, und #3d als ebenfalls lässig entschleunigtes Jazzcatgetrippel, das nur kurz mal aufrauscht. Dazu die ‚Prinzen-‚ und die ‚Doppelrolle‘ von Klare, klimprig und ostinat kreiselnd und krähend das eine, mit melancholischen Schatten im Hintergrund als lyrischer Gegenthese; das andere mit nebelhornigen Dauertönen und rostig gewellter Klage, mit der sich Heisig mit tremolierender Basshand und plinkender Rechter solidarisch erklärt. Und zuletzt ‚13865 Nuclear Weapons‘ als Erfindung von Heise, der mechanisch ein ganzes Pixelfeld behämmert, in abruptem, streuendem Gestus, der nancarrowesk beschleunigt, wild entschlossen und immer wilder. Plötzlich aber nur noch steif staksend, wie mit voller Hose. Klare hält sich da ganz raus. Und ich merke auch ohne Geigerzähler, dass hier Spannung und großer Spaß winken. [BA 105 rbd]

Für Check Test Check (Umland Records 30) gingen als HALF LABORATORY – HALF BAND zehn Dorfler ins Testlabor: Marvin Blamberg (Drums), Julia Brüssel (Geige), Christian Hammer (Gitarre), Hannes Nebel (Bass), Ludger Schmidt (Cello), der auch noch mit The Sephardics spielt, Markus Türk (Trompete), der noch bei Family5 und Jansen bläst, der auch mit Knu! und Super Jazz Sandwich bekannte Florian Walter (Altosax), gerahmt von Moritz Anthes & Max Wehner (Posaunen) und mit wieder Jan Klare (Tenorsax), halb Versuchsleiter, halb Bandleader. Er entwarf fünf der sieben Stücke und anfangs gleich die Kreise und Wellen von ‚Helmet‘, die gegen immer zäheren Widerstand ansprudeln und ihn beseitigen. ‚Pell-Mell‘ folgt als kollektives Tasten, mit kribbeliger Gitarre und träumerischer Geige, der die Bläser hinterherschmachten. Klare spielt Liftboy bei ‚Escalator‘, mit nun in eiligem Unisonostaccato aufwärts gewellten Diagonalen, die durch kreuzende Linien in Turbulenzen geraten, bis sie mit wiederholtem Nachdruck Klarheit schaffen. Cello und Posaune geben die ersten Töne an beim wieder freien ‚Pêle-Mêle‘, als erneut wie ge­träumter Orchesterprobe aus plonkenden, schlabbrigen, zischenden, gackernden, quarrenden Lauten. Basspizzicato buchstabiert anschließend ‚Dark‘, die Posaunen sind schnell dabei, die Streicher sülzen, während sich ein klackender Groove anbahnt, von dem sich Tenorsax und die zirpende Trompete schmusig tragen lassen. Die Rhythmik erfasst schließlich auch die Streicher und alle streben zunehmend hymnisch ins Lichte, der Dämmerung in repetitivem Staccato spottend und kaum zu bändigen. Bei ‚Bel Air‘ diktiert Klare dann wieder klare Bläserwellen, in vereinter Aufwärtstendenz und Bläserlust. Bis ein Break alle Stimmen sondert, wechselspielerisch über sonorem Basspizzicato. Erst licht und luftig, dann elegisch ergriffen und mit wieder einer Stimme in vereintem Staccato treppaufwärts, mit der Gitarre als Blumenmädchen, für eine feierliche Zeremonie. ‚Swagger‘ fetzt zuletzt uptempo dahin als Folge gestufter Repetitionen in strahlendem Vorwärtsdrang. Die Konturen verunklaren, aber Tempo und Drive bleiben und das rhythmisch stoßende Wellenmuster setzt sich so auch wieder durch. Als Tour de force, an der nichts Halbes ist. Aber seit wann würde Klare halbe Sachen machen? [BA 105 rbd]